Wer vegan lebt und in Stuttgart wohnt, kennt die Kichererbse: Auf nur 34qm bietet der rein vegane Laden alles, was man für die pflanzliche Ernährung braucht – und einiges darüber hinaus. Die beiden Gründerinnen Nora Hoffrichter und Helga Fink sorgen dafür, dass es an nichts fehlt, beraten gerne und sorgen mit vielen Extras dafür, dass jede/r gerne wieder kommt: Der Lieferservice hilft aus, wenn man nicht selbst vorbei kommen kann, und der Adventskalender ist ein Highlight im Jahr.

Du findest die Kichererbse in der Möhringer Straße 44b, beim Marienplatz/Erwin-Schöttle-Platz. Online kannst du sie besuchen unter www.die-kichererbse.com,  auf instagram und facebook.
Wir haben das Interview Anfang November 2020 geführt.

Wie lange lebt ihr schon vegan?

Nora: Wir wurden gleichzeitig vegan: Anfang 2011, im Februar.

Was war der Auslöser dafür?

N: Langweile [lacht].
Im Ernst: Mit mir hat jemand zusammengearbeitet, der vegan lebte. Er war vom Typ her recht ruhig, aber so ab und zu erzählte er mal etwas, da dachte ich: Hat er da etwa recht?

Erst verdrängst du das ja. Aber dann hat er an Weihnachten gekocht und das war ziemlich lecker. Er hat mir auch ein Kochbuch mitgebracht, das sich echt gut angehört hat. Helga war ohnehin schon Vegetarierin und hat geglaubt, sie macht schon alles richtig ….

Helga: Ja, mit meinen Bio-Freilandeiern …

N: Ja, aber dann erfährst du immer mehr und denkst: Mist, gar nichts machst du richtig! Dann kannst du genauso gut Fleisch essen!

“Ich habe mit einer Salami-Pizza in der Hand gesagt: Okay, die noch, und danach leb ich vegan.
Und so blieb es dann auch.”

-Nora Hoffrichter

 Dann kam das „Perfekte Dinner“ mit einem Veganer im Fernsehen. Wir dachten zuerst: Der kann ja nicht mitessen, was will der da überhaupt? Aber er hat das Ding sogar gewonnen und echt gute Sachen gekocht.

Danach saßen wir im Auto nach Köln, auf dem Weg zu Helgas Schwester, und haben uns gesagt: Eigentlich muss man es ausprobieren. Wenn es nichts ist, kann man es immer noch lassen.

Wir haben mehr und mehr Informationen bekommen – das mit dem Kükenschreddern wusste ich zum Beispiel nicht, oder dass Kühe keine Milch geben, wenn sie nicht schwanger sind. Das ist zwar logisch, eigentlich weiß das jeder – aber man macht sich keinen Kopf drüber, und so weiß man es irgendwie doch nicht.

Mit jeder Info hat es sich richtiger angefühlt. Also wollten wir es zwei Wochen testen. Helga sagte schon am zweiten oder dritten Tag: Wir ziehen das durch, anders geht es ja gar nicht mehr! Ich sagte: Ne, jetzt wart mal noch ab [lacht].

Am Anfang gab es Alpro-Joghurt, der nicht so richtig geschmeckt hat, weil er süß war: Unser erstes Tzatziki mit dem Alpro-Joghurt war eine Katastrophe! Ja, da waren so ein paar Sachen, die echt nicht lecker waren – aber die ganzen Infos waren eben überzeugender. Wir haben auch bald noch ein paar gute Sachen kennengelernt, ab da war es ganz einfach.

 

Das heißt, du bist wirklich von einem zum anderen Tag umgestiegen, vom Fleischessen zu vegan?

N: Ich habe mit einer Salami-Pizza in der Hand gesagt: Okay, die noch, und danach leb ich vegan, ja. Und so blieb es dann auch.

Und damals war das wirklich noch nicht so einfach.

N: Als Käse gab es Willmersburger – mit Glück! Bei alles-vegetarisch oder so. Und ansonsten Taifun-Pizzabratlinge, die haben wir geschaufelt ohne Ende [lacht]. Ja, eine wirklich große Auswahl gab es damals nicht.

(Helga muss unser Gespräch für ein paar Minuten für eine Kundin unterbrechen, ich spreche mit Nora weiter.)

Der vegane Laden: Entstehungsgeschichte

Ihr wurdet 2011 vegan und habt die Kichererbse 2013 gegründet. Die Idee dazu ist wahrscheinlich schon eine Weile vorher entstanden, oder?

N: Ja, 4 Monate vor Eröffnung!

Wie kam es dazu?

Wir waren in Hamburg im Urlaub und haben dort auf dem Weihnachtsmarkt an einem Stand gefragt, ob die Champignons vegan sind. Und eine Frau neben uns sagte: Ach, seid ihr auch vegan? Meine Tochter auch! Dann kennt ihr bestimmt diesen einen kleinen Laden, da kauft sie immer ein.
So hat sie uns also von „bevegend“ erzählt. Da sind wir natürlich gleich hin. Der war halb so groß wie die Kichererbse: 17qm hatten die. Wir haben die Kühlschränke aufgemacht, da flog uns der Käse entgegen – wow, ein Paradies!

Janina und Olli haben den Laden gegründet und geführt. Sie waren voll nett, wir haben viel miteinander geredet und sie haben uns Tipps gegeben, wie man so was aufziehen könnte. Denn wir haben gleich gesagt: Wenn es so klein geht, warum gibt es das dann nicht in Stuttgart? Warum macht das keiner? Also haben wir einen Plan gemacht.

10 Tage später haben wir unseren Eltern davon erzählt. Das war an Silvester – und aufgemacht haben wir dann im April.

“Uns hat der Herr in der Luft zerrissen und gesagt: Das könnt ihr vergessen, mit diesen Zahlen braucht ihr gar nicht erst starten! Meine Motivation war dann im Eimer, aber Helga sagte: Jetzt erst recht!”

-Nora Hoffrichter

Obwohl ihr ja gar nicht aus dem Einzelhandel kommt, ihr habt ja soziale Berufe …?

Ja, wir sind beide Erzieherinnen. Aber man kann sich da schon einarbeiten: Wir haben über die IHK Seminare mitgemacht. Das Buchhaltungsseminar ist mir am meisten in Erinnerung geblieben, weil ich das eigentlich nie lernen wollte, aber es geht ja nicht anders. Helga übernimmt das Gott sei Dank, sie kann das mega gut.

Und dann gab es ein Senioren-helfen-Junioren-Projekt, das sind erfolgreiche Geschäftsmenschen, die jetzt in Rente sind, die dir den Businessplan mal durchlesen und dir Tipps geben. Uns hat der Herr in der Luft zerrissen und gesagt: Das könnt ihr vergessen, mit diesen Zahlen braucht ihr gar nicht erst starten! Meine Motivation war dann im Eimer, aber Helga sagte: Jetzt erst recht!

Inzwischen war der Mensch drei Mal hier und sagte jedes Mal: „Sie haben da echt was Tolles draus gemacht! Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut!“ Der ist richtig begeistert!

Toll, dass ihr so mutig wart und sofort gesagt habt, ihr macht das. Habt ihr parallel die bisherigen Jobs noch behalten?

Erstmal ja. Ich hatte am Anfang einen 450-Euro-Job, also für einen Tag pro Woche, etwa noch ein Jahr lang. Auch Helga hat weiterhin ihre Nachtdienste gemacht, ein bis zwei Mal im Monat. Nach einem Jahr hatte ich aber keine Lust mehr, weil das voll der Kontrast war: Hier hatte ich die vegane Bubble um mich herum, und mit der Arbeit dort passte es irgendwann gar nicht mehr. Also hab ich da aufgehört.

Helga hat noch ein zweites Jahr weitergearbeitet. Wir haben es danach ohne zusätzliche Jobs probiert und das ging ganz gut. Aber seither fliegen uns im Wechsel immer irgendwelche Jobs zu, die wir parallel noch ein bisschen machen. Im Moment arbeite ich noch nebenher, in der Pflege.

Ihr habt “nur” 34qm und echt viele Produkte im Sortiment. Ihr habt ja nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kosmetikartikel und Haushaltsprodukte. Wonach entscheidet ihr, was ihr ins Sortiment aufnehmt?

Gute Frage! Zuerst muss die Firma passen: Es muss eine ethisch korrekte Firma sein, oder zumindest eine, bei der man wirklich einen “Vegan-Wert” erkennen kann. Die großen Fleischfabrikanten, die jetzt auch vegan machen, passen einfach nicht, auch wenn das Produkt noch so gut ist.
Wenn es dagegen eine Firma ist wie bei Sojade zum Beispiel, dann passt das: Die haben zwar noch einen Teil mit ihren Ziegenmilchprodukten, aber extrem viel ist vegan. Wenn du die auf der Messe triffst, dann hast du einen Meter Tierprodukte am Stand und vier Meter vegan.

Rein vegane Firmen wären natürlich cooler, aber dann hätten wir vermutlich nur sechs Produkte hier drin stehen. Das geht leider nicht.

Dann muss das Produkt natürlich schmecken, und es sollte vielleicht auch etwas sein, was es nicht in jedem Supermarkt gibt.
Wobei wir schon auch Sachen haben, die auch die Biomärkte haben. Viele Kunden haben uns gesagt, sie würden ihre Nudeln und ihren Reis gern auch gleich hier kaufen, deshalb gibt es solche Produkte natürlich auch.

Wir schauen auch, dass wir viel Regionales beziehen, bzw. handmade-Sachen, wie von der Leckerschmecker-Küchenfee aus Waiblingen oder die Maultaschen von Tasty Dishes. Wir haben aber auch Baumkuchen von einer Bäckerin aus Hamburg, weil das hier einfach niemand macht.

 

Die kleinen Firmen sind also nicht nur möglichst vegan, sondern auch nachhaltiger in anderen Aspekten?

Wenn es irgendwie geht, dann natürlich schon.

Verpackungsmüll ist bei Lebensmittel vermutlich schwieriger zu reduzieren ….

Ja, aber viele Firmen ziehen inzwischen ganz gut mit, zum Beispiel bei Biovegan. Deren Puddingpulver ist inzwischen in einer Verpackung, die man komplett recyceln kann. Oder auch bei Kosmetikprodukten: Die Dosen von PonyHütchen kannst du zurückschicken, die werden wieder benutzt. Sogar die Zahnpasta von Hydrophil: Die Verpackung besteht zu 95% aus heimischem Fichtenholz. Du brauchst nur den kleinen Verschluss aus Aluminium und die Deckel aus Plastik, sonst dürfen sie nicht in die Supermärkte.

Bei manchen Firmen haben wir das auch angemerkt, bei Saitan-Fix zum Beispiel. Das ist inzwischen in einer Papp-Verpackung, vor einem halben Jahr war es noch aus Plastik.

Das heißt, ihr nutzt auch euren Einfluss?

Wir sagen schon hin und wieder was, aber die meisten haben das ohnehin schon auf dem Schirm.

Im Moment müssen natürlich noch abwägen: Zum Beispiel zwischen einer komplett veganen Firma, die herkömmliche Tetra-Paks hat, und einer Firma, die eine umweltfreundliche Verpackung anbietet, aber „nur“ viel Veganes im Sortiment hat. Was ist dann erstrebenswerter? Sollen wir eher die rein vegane Firma aufnehmen oder die nicht komplett-vegane, die aber umweltfreundlicher ist? Das ist immer ein Abwägen.

Das Dilemma kennen bestimmt viele: Man steht im Supermarkt und überlegt: Lieber ohne Plastik? Regional? Oder bio?

Da muss man für sich einen Mittelweg suchen. Glasverpackungen kommen zum Beispiel immer mehr, aber dadurch ist das Produkt auch teurer und das ist für viele ein Ausschlusskriterium.

Ja, das ist gar nicht so einfach … Hast du denn ein Lieblingsprodukt aus eurem Sortiment?

Das wechselt oft: Im Moment mag ich die Lebkuchen sehr, und den Baumkuchen finde ich grandios. Bei den Schokoküssen von der Küchenfee denk ich immer, wenn ich einen verkaufe: Da könnte ich jetzt auch einen essen.

Wenn ihr ein bisschen mehr Platz hättet: Was würde noch reinkommen in den Laden?

Wenn wir deutlich mehr Platz hätten, würde ich am liebsten ein Café aufmachen. Da müsste dann jemand mit einsteigen, weil das zeitlich sonst nicht klappt, aber das wäre richtig cool: Mit einer kleinen Küche oder einem Bistro.

Der Laden ist ja ohnehin schon ein bisschen ein Treffpunkt oder ein Ort zum Austauschen.

Ja, das ist hier schon mehr als einfach nur „einkaufen und wieder gehen“. Deswegen wäre es cool, wenn wir hier Sitzgelegenheiten hätten und was zu essen, Kaffee ausschenken könnten. Wer weiß, was noch kommt!

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