Wer vegan lebt und in Stuttgart wohnt, kennt die Kichererbse: Auf nur 34qm bietet der rein vegane Laden alles, was man für die pflanzliche Ernährung braucht. In Teil 2 des Interviews sprechen die Gründerinnen Nora Hoffrichter und Helga Fink darüber, wie der Umstieg auf eine vegane Ernährung gelingen kann, was in der Stuttgarter Szene noch fehlt und was es braucht, um selbst vegane/r Gründer zu werden.

Du hast den Anfang verpasst? Kein Problem, den ersten Teil des Interviews findest du hier: Die Kichererbse im Interview: Wie die Geschichte beginnt (1/2).

Ihr seid viel in Kontakt mit euren KundInnen: Merkt ihr, dass der Veganismus immer mehr in der Gesellschaft angekommen ist? Sind zum Beispiel viele von euren Kunden auch tatsächlich vegan oder kommen auch viele, die nur zwischendurch mal vegan essen?

Wir fragen natürlich nicht jeden, der kommt. Aber bei manchen kommt man ins Gespräch, klar. Ich denke schon, dass viele vegan sind.

[Helga kommt dazu]

N: Was würdest du schätzen, wie viel Prozent sind Veganer?

Helga: 30-40?

N: Nur? Ich hätte eher doppelt so viele gesagt. [lacht]

H: Dann sagen wir mal 50 [lacht]. Ich hab schon den Eindruck, dass es recht viele sind, die nicht vegan leben, aber trotzdem regelmäßig kommen oder sich beraten lassen. Es sind ja auch viele auf dem Weg, essen aber bei der Oma noch einen Kuchen oder so – die hab ich jetzt noch nicht mitgezählt.

N: Wir wissen aber auch von Leuten, die durch die Kichererbse vegan wurden. Die waren am Anfang da, weil sie in der Nachbarschaft wohnen. Mittlerweise trinken sie nur noch Pflanzenmilch und ersetzen die Butter durch Alsan. Das ist schon ganz toll.

Mega! Das wäre auch meine nächste Frage gewesen: Ob manche durch euren Einfluss den letzten Schritt zum Veganismus oder vielleicht zumindest Vegetarismus gemacht haben.

N: Vegetarisch werden sie durch uns nicht, weil wir immer gleich sagen, dass das eigentlich gar keinen Sinn macht. Aber auf den Weg haben wir schon einige gebracht.

H: Viele schätzen auch einfach, dass sie kommen können, Fragen stellen, und durch uns auch anderen Kunden begegnen, mit denen sie sich austauschen können. So kann man sich gegenseitig stärken oder Tipps geben. Und das macht schon viel aus, man fühlt sich aufgehoben.
Unsere Kunden sind auch vom Alter her total unterschiedlich: Es heißt ja oft, dass es vor allem junge Leute sind, die sich mit dem Veganismus beschäftigen. Aber das ist gar nicht so. Es ist cool, wenn gerade die, die schon ein bisschen älter sind, hier auf Leute in ihrem Alter treffen und merken: Ich bin gar nicht alleine! Und auch wenn meine Freunde überhaupt nicht mitziehen – es gibt noch ganz viele andere Menschen, die auch auf diesem Weg sind. Das ist echt schön.

Habt ihr Tipps für Leute, die auf vegan umsteigen wollen?

[beide] Einfach machen!

H: Einfach irgendwo anfangen. Ich persönlich würde nicht empfehlen, extra Kochbücher zu kaufen, sondern einfach selbst zu recherchieren: Welches Produkt kann ich wie ersetzen?

Wo benutze ich überall Milch, welche Pflanzenmilch kommt dafür in Frage? Oder wenn ich eine Sahnesauce machen will: Einfach statt der tierischen Sahne eine vegane Sahne holen, ansonsten kann das Rezept ja gleich bleiben. Man muss nicht sein ganzes Leben auf den Kopf stellen.

Wir haben damals alles aussortiert, was tierisch war, und dann einfach geguckt: Wo verwenden wir was Tierisches und was ist das Alternativprodukt? Dann kann man genauso weitermachen.

Also nach und nach gucken, was man ersetzen kann, oder lieber auf einen Schlag?

H: Wir haben es auf einen Schlag gemacht, aber es kommt drauf an. Fast alle Leute, die zu uns kommen, sind auf dem Weg und machen es nach und nach. Die ersetzen einzelne Sachen. Für mich persönlich ist das nichts, denn wenn ich einmal verstanden habe, wo die Sachen herkommen, dann will ich sie überhaupt nicht mehr.

Inzwischen gibt es ja auch ganz viele Anbieter wie die Albert-Schweitzer-Stiftung, die dir jeden Tag Ideen per Mail schicken, was du zum Frühstück oder zu Mittag essen könntest. Ich finde, da wird es einem schon sehr einfach gemacht. Aber natürlich ist es für viele Leute trotzdem noch ein Riesenschritt, weil sie denken, sie könnten dann nur noch Beilagen essen.

Deshalb: Einfach irgendwo anfangen, dann kommt der Rest automatisch.

N: Und unbedingt ins Körle und Adam essen gehen, dann merkt man: Auch Gemüseküche ohne Ersatzprodukte kann toll schmecken!

H: Oder auch im Super Jami. Also einfach in vegane Restaurants gehen und schauen, was möglich ist.

Wie findet ihr denn das vegane bzw. nachhaltige Angebot in Stuttgart? Ist das schon gut oder fehlt noch was Wichtiges?

N: Da fehlt so einiges, finde ich.

H: Eigentlich sollte ja alles vegan sein [lacht].

N: Es fehlt mehr Auswahl, so dass man nicht mehr sagen kann: Ach, aber Feuerbach ist so weit weg, oder: Ich bin aus Stuttgart-Ost, da ist mir Süd zu weit weg.

H: Es gibt Leute, die essen überall da vegan, wo es ihnen vor die Nase gestellt wird, so “Faulheitsveganer“. Die finden das schon richtig und gut, aber wenn sie unterwegs sind und gerade Hunger haben und es gibt nichts offensichtlich Veganes, dann essen sie eben doch eine Käsebrezel.

Wenn es dagegen mehr Auswahl gibt, würden sie sich immer für das Vegane entscheiden.
Dafür, dass Stuttgart so eine große Stadt ist, könnte das Angebot also schon noch besser sein. Es gibt zwar in vielen Restaurants eine vegane Karte, aber ich persönlich bevorzuge die rein veganen Sachen, weil man dann weiß, dass die Leute Ahnung haben.

N: Und wir wollen die auch unterstützen, weil sie genau das leben.

H: Es steht ja auch eine Ethik dahinter. Demnächst machen drei neue Sachen auf: Das Bellevue, die machen momentan ein vegan-vegetarisches Pop-Up im Perkins Park. Dann wird es am Charlottenplatz was rein Veganes geben – die Testküche -, das soll am 3. November aufmachen. Und am 21. November soll ein vegan-vegetarisches Café von der Hilfsorganisation Stelp (Stuttgart Help) öffnen, das komplett von Ehrenamtlichen betrieben wird. Die Einnahmen gehen dann komplett in die Hilfsprojekte.

Es passiert also schon was in Stuttgart, aber es braucht immer Leute, die nicht nur denken: Oh, das wäre voll cool und ich lebe vegan – aber die keinen Plan haben. Du musst ein bisschen mehr bringen als einfach nur: Ich finde das gut, das sollte es geben.

Wenn es nicht klappt, ist das besonders schade, weil es so aussieht, als ob vegan nicht funktioniert. Dabei liegt es ganz oft nur an der Umsetzung. Oder daran, dass man dann erst feststellt: Das macht ja doch Arbeit! Selbstständig zu sein erfordert viel mehr Einsatz als 8 Stunden am Tag. Das muss man sich bewusst machen, das kann man nicht nur aus Liebe zum Veganismus machen. Man muss das wirklich wollen.
Und natürlich spielen die Finanzen noch eine Rolle, man verdient mit einer rein veganen Einrichtung nicht unglaublich viel Geld, sei es Restaurant oder Laden. Dafür braucht man Herzblut, Können und ein bisschen Weitsicht.

N: Und man muss sich da wirklich reinfuchsen! Es gibt immer Sachen, die keinen Spaß machen, aber es muss trotzdem sein – zum Beispiel die Buchhaltung. 

Wenn man sich darum nicht kümmert, steht irgendwann das Finanzamt vor der Tür und will eine Nachzahlung. Man braucht genug Pflichtbewusstsein, um sich selbst zu organisieren. Es ist eben schade, wenn es nicht klappt und das auf den Veganismus zurückfällt. Obwohl es ja tausend Läden gibt, die in Deutschland auf und zu machen, und da denkt dann auch keiner: Oh, das hat bestimmt am Fleisch gelegen … [lacht] Aber bei Vegan wird eben ganz anders draufgeguckt, obwohl sich da schon ganz viel verändert hat, wie Veganismus wahrgenommen wird.

Vielleicht tut sich ja noch das ein oder andere in Stuttgart.

H: Ich hoffe! Wenn es Leute gibt, die es drauf haben, fände ich es wirklich toll!

Liebe Nora, liebe Helga, vielen Dank für eure Zeit und die Bereitschaft für dieses Interview! Es war mir eine Freude! 🙂

Du findest die Kichererbse in der Möhringer Straße 44b, beim Marienplatz/Erwin-Schöttle-Platz. Online kannst du sie besuchen unter www.die-kichererbse.com,  auf instagram und facebook

Quellen für diesen Beitrag