Anständige Arbeitsbedingungen und ein Gehalt, von dem man gut leben kann – ein Menschenrecht, ja. Eine Selbstverständlichkeit? Nein. Viele Menschen weltweit arbeiten unter schwierigsten Bedingungen und erhalten dennoch einen Lohn, der nicht zum Leben reicht. Das betrifft auch zahlreiche Beschäftige in der Textilindustrie. Das zu ändern, ist nicht einfach; aber kein Grund, die Situation einfach hinzunehmen. Denn eine:r muss am Ende bezahlen – und das sollte nicht die Textilarbeiterin mit ihrer Gesundheit sein.

Der Existenzlohn: Was genau ist das?

Der Begriff „Existenzlohn“ meint ein Einkommen, dass erstens im Rahmen einer normalen Arbeitswoche (ohne ausufernde Überstunden) verdient wird und zweitens so hoch ist, dass eine Familie davon angemessen leben kann.

Die Kampagne für saubere Kleidung (international: Clean Clothes Campaign, CCC) ist eine der wichtigsten Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Rechte der Arbeitnehmer:innen (vorwiegend Frauen) in der Textilindustrie einsetzt. Nach ihrer Definition „muss ein Existenzlohn die Grundbedürfnisse einer Arbeiterin und ihrer Familie abdecken und darüber hinaus ein frei verfügbares Einkommen übrig lassen.“ (Quelle)

Die konkrete Höhe unterscheidet sich je nach Land, lässt sich aber berechnen. Eine Methode für den asiatischen Raum ist der sogenannte „Asia Floor Wage“ (AFW).

Sie geht von zwei Erwachsenen und zwei Kindern aus und kalkuliert einen Lohn, der so hoch ist, dass nicht mehr als 50% des Einkommens für die Ernährung verwendet werden muss; 40% müssen für weitere Fixkosten wie Wohnung, Transport, Kleidung, Bildung der Kinder, aber auch Arztbesuche und Medikamente verwendet werden können.

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Darüber hinaus sollen 10% des Lohns übrig bleiben: Für Freizeitaktivitäten, Unvorhergesehenes und die Altersvorsorge.

Ein Lohn in dieser Höhe sollte eine Selbstverständlichkeit sein – und dennoch liegt der gesetzliche Mindestlohn in vielen Ländern deutlich unter dem Existenzlohn. In Bangladesch etwa beträgt das gesetzliche Minimum lediglich 1/5 des berechneten Asia Floor Wage, in Kambodscha ca. 1/3.

Und das betrifft sehr viele Menschen: Während in Deutschland rund 95% aller Beschäftigten mehr als das gesetzliche Minimum verdienen (Stand 2019), erhält der Großteil der Textilarbeiter:innen weltweit tatsächlich lediglich den Mindestlohn – einige nicht einmal diesen.

Niedrige Löhne: Nur ein Problem der Textilindustrie?

Die große Differenz zwischen Mindest- und Existenzlohn ist kein Alleinstellungsmerkmal der asiatischen Textilindustrie: Auch in Süd- und Osteuropa gibt es viele Länder, in denen die Diskrepanz enorm ist. Meist liegt der gesetzliche Mindestlohn bei etwa 1/3 oder sogar 1/4 dessen, was angemessen wäre. Konkrete Zahlen dazu, aus dem Jahr 2018, findest du hier.
“Made in Europe” ist also kein Garant für faire Löhne.

Das Südwind-Institut legt in seiner Publikation „Nachhaltigkeit erfordert Gerechtigkeit“ auch den Fokus auf eine andere Art von Einkommen: Weltweit leben viele Menschen von der Landwirtschaft. Sie erhalten keinen Stundenlohn, sondern leben vom Ertrag ihrer Ernte – etwa von Kaffee oder Tee, Blumen oder Kakao. Sind ihre Erlöse zu gering, sind nicht nur sie selbst betroffen: Es ist ihnen dann auch unmöglich, Erntehelfer:innen einen existenzsichernden Lohn zu zahlen.

Verschärft wird das Problem des geringen Mindestlohns häufig durch eine hohe Inflation: Erhöhungen des gesetzlichen Mindestlohns geschehen in vielen Ländern so selten oder nur in so geringem Maße, dass der Effekt bereits durch die allgemeine Preissteigerung zunichtegemacht wird.

Warum wird der Mindestlohn nicht angehoben?

Bleiben wir bei der Textilindustrie:
Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, wie die Modekonzerne arbeiten. Sie stellen ihre Ware nicht selbst her, sondern geben sie in Auftrag. Zulieferbetriebe in ganz Asien konkurrieren um die Großaufträge, die ein Einkommen sichern.

Preisverhandlungen zwischen Zulieferern und Modekonzern geschehen daher nicht auf Augenhöhe: Wird ein Betrieb oder ein Land „zu teuer“, fällt es Konzernen wie H&M oder Zara leicht, in eine andere Region auszuweichen, in der das Lohnniveau niedriger ist.

Die Kampagne für saubere Kleidung schreibt:

„Die Markenfirmen setzen jedes Jahr Millionenbeträge um und sitzen an den Schaltstellen der Wertschöpfungsketten. Sie können ihre Produktionsstandorte rasch verschieben und zwischen Billiglohnländern wählen.

Sie diktieren die Preise, Auftragsmengen und Qualitätsanforderungen, ohne auf die Auswirkungen ihrer Einkaufsstrategien auf die Zulieferbetriebe und die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen Rücksicht nehmen zu müssen.

Das vorherrschende Geschäftsmodell spielt in einem globalen Wettlauf nach unten (“Race-to-the-Bottom”) Land gegen Land und Lieferanten gegeneinander aus.“ 

"Existenzlöhne in der globalen Modebranche", Kampagne für saubere Kleidung

Beispiel Bangladesch: Hier leben bis zu 20 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Textilindustrie, das sind rund 16 Prozent der Bevölkerung. Auch wenn die Textilindustrie viel zu wenig zahlt – auf diese Gelder kann das Land nicht verzichten. Das Einkommen durch die Textilindustrie hat in den vergangen 20 Jahren – trotz allem – maßgeblich dazu beigetragen, die Armut zu reduzieren und die Lebenserwartung zu erhöhen. Auch die Kindersterblichkeit ist gesunken, mehr Kinder besuchen die Schule.
Dadurch ist die Sorge groß, Modekonzerne durch höhere Mindestlöhne zu verprellen. 

Wird meine Kleidung dann viel teurer?

Aktuell machen die Lohnkosten bei der Herstellung eines Kleidungsstücks nur einen sehr geringen Anteil aus. Die Fear Wear Foundation ist eine der größten und wichtigsten Initiativen zur Erhöhung des Lohnniveaus im Textilbereich; ihrer Berechnung nach betragen die Lohnkosten häufig nur 2-3 Prozent des Verkaufspreises im Einzelhandel. Verdoppelt oder verdreifacht sich der Lohn der Textilarbeiter:innen kostet die Herstellung eines Kleidungsstücks theoretisch nur zwei, drei Euro mehr.

Tatsächlich geht diese Rechnung jedoch leider nicht auf: Denn am weiteren Prozess – Transport, Zollabwicklung, etc. – sind Zwischenhändler beteiligt, die pauschal am Preis der Kleidung verdienen:

“Wenn beispielsweise ein Kleidungsstück die Fabrik für fünf Euro verlässt, kann es sein, dass der Zwischenhändler pauschal 20 % aufschlägt. Steigt nun der Produktionspreis auf sechs Euro, bleibt die Marge in Höhe von 20 % bestehen. Die weiteren Beteiligten an den Handelsstufen sowie die Steuerbehörden gehen genauso vor.

Dies hat fatale Folgen für die Beschäftigten in den Fabriken. Statt der berechneten 2,94 Euro würde nach diesem Modell der Preis im Einzelhandel um rund 15,50 Euro steigen.”
(aus: “Nachhaltigkeit erfordert Gerechtigkeit”, Südwind-Institut, S. 19, Herv. durch BewusstGrün).

Eine derartige Erhöhung für die großen Modekonzerne keine Option – hier wird weiterhin um jeden Cent gefeilscht. Eine einfache und schnelle Lösung ist daher schwierig. Eine kurzfristige Möglichkeit könnten „Zahlungen außerhalb des regulären Lohns (z.B. regelmäßige, verbindliche Prämien)“ (ebd.) sein, die nicht zur drastischen Preiserhöhung beitragen; mittelfristig müssen dann Lieferketten und Handelsverträge angepasst werden – dazu räumt die Fair Wear Foundation Übergangsfristen ein.

Dabei ist klar: Für die Textilarbeiter:innen ist der Ist-Zustand oft bittere Armut. Es gibt daher Maßnahmen – wie etwa zumindest moderate Lohnanpassungen oberhalb der Inflationsrate -, die sofort erfolgen müssen. Jegliche Übergangsfristen müssen daher zeitlich begrenzt sein – und am Ende muss der Existenzlohn für alle Beschäftigen stehen.

Die Kampagne für saubere Kleidung hat 2019 (erneut) 45 große Modekonzerne untersucht; darunter Firmen wie adidas, C&A, Esprit, H&M oder Primark. Das ernüchternde Ergebnis der Studie “Existenzlöhne in der globalen Modebranche”:

  • Lediglich 9 Unternehmen haben sich überhaupt klar für Existenzlöhne ausgesprochen. 
  • Nur ein einziges Unternehmen hat einen klaren Zeitplan, wann ihre Beschäftigten fair bezahlt werden sollen (das Schweizer Unternehmen Nile).
  • Nur bei zwei Unternehmen gibt es Anhaltspunkte dafür, dass aktuell wenigstens ein Teil der Textilarbeiter:innen angemessen bezahlt werden.

(Die konkreten Firmenprofile kannst du in der Studie ab Seite 32 ansehen.)

Worauf kann ich als Konsument:in achten?

Der größte Teil der Macht und somit auch der Verantwortung liegt klar bei den Modekonzernen sowie der Politik. Aber auch wir als Konsument:innen haben einen Handlungsspielraum:

  • Beim Kauf von neuen Produkten können wir auf Siegel achten, die eine möglichst faire Bezahlung garantieren. Zu den wichtigsten Zertifikaten gehören Fairtrade, GOTS und die Fair Wear Foundation.
  • Frag nach: Schreib deiner Lieblingsmodemarke, zum Beispiel öffentlich über Social-Media-Kanäle, und erkundige dich nach Arbeitsbedingungen und Siegeln. Lass dich nicht abspeisen von vagen Bekundungen.
  • Hinterfrage deine Konsum: Ein T-Shirt für fünf Euro – kann das überhaupt anständig hergestellt worden sein? 52 neue Kollektionen im Jahr – kann das nachhaltig sein?

Darüber hinaus lohnt sich politisches Engagement:

Fazit: 

Der Begriff “Existenzlohn” bezeichnet ein angemessenes Einkommen, das ohne übermäßige Überstunden erzielt wird. In vielen Ländern, insbesondere in der Textilindustrie, werden Textilarbeiter:innen jedoch deutlich schlechter bezahlt. 

Der gesetzliche Mindestlohn ist meist deutlich zu niedrig angesetzt. Aus Sorge, dass die Aufträge in Länder mit günstigeren Produktionskosten abwandern könnten, wird er nicht ausreichend erhöht.

Werden die Löhne der Arbeiter:innen erhöht, hat das spürbare Preissteigerungen zur Folge. Große Modekonzerne schrecken daher davor zurück. Laut einer Studie der CCC sind bei kaum einem Unternehmen  konkrete Maßnahmen geplant, um das Lohnniveau anzuheben.

Als Konsument:in haben wir die Möglichkeit, durch unsere Kaufentscheidungen Einfluss zu nehmen (etwa, in dem wir auf Siegel achten); als Bürger:in können wir auch politisch aktiv werden und etwa die Petition zum Lieferkettengesetz unterstützen.

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