Die meisten Menschen in Deutschland haben so viel Kleidung, dass Aufräum-Beraterinnen wie Marie Kondo voll im Trend sind. Ihre Hauptmaßnahme ist: Rigoros Ausmisten!
Warum haben wir so viele Shirts und Jeans, dass es uns sogar schon zu viel wird? Die Antwort ist: Kleidung ist so unschlagbar günstig, und wir wollen nicht wahrhaben, wer den tatsächlichen Preis dafür zahlen muss.

Bevor ein neues T-Shirt in meinem Kleiderschrank liegt, muss einiges passieren: Die Baumwolle wächst heran, sie muss geerntet, gereinigt und zu Garn gesponnen werden. Sie wird gefärbt und gewebt, zugeschnitten und vernäht. Mit Knöpfen und Etikett versehen, verpackt und verschifft, verkauft und versandt. Der Prozess ist umfangreich und es sind viele Menschen in vielen Ländern daran beteiligt; dazu kommen noch all jene, die das neue Shirt designen, den Prozess verwalten und das Produkt bewerben. 

Und dennoch findet man bei einigen Marken schon Shirts für wenige Euro im Sortiment. Das kann nicht wirklich funktionieren, denn irgendjemand zahlt den wahren Preis – die Menschen, hier wie dort, und die Umwelt, die uns alle betrifft. Hier sind also sieben Gründe, weshalb wir diese Industrie nicht unterstützen sollten:

Grund Nr. 1: Niedrige Löhne

Sowohl die Baumwollbauern als auch die TextilarbeiterInnen erhalten einen viel zu geringen Lohn. Mit “viel zu gering” ist nicht nur gemeint, dass man für die anstrengende, monotone Arbeit viel mehr Geld verdient hätte; es geht vor allem darum, dass das verdiente Geld längst nicht genug ist, um ein gutes Leben zu führen. Man spricht in diesem Kontext vom Existenzlohn – dieser Betrag wird ausgerechnet, indem man schaut: Was kostet die Miete in dieser Stadt? Wie viel Geld braucht man durchschnittlich für Essen, Kleidung, Medikamente? 

Für Kambodscha beispielsweise hat die “Kampagne für saubere Kleidung” einen Existenzlohn von 477 Euro errechnet. Tatsächlich beträgt der Mindestlohn lediglich 146 Euro – also rund 30%! Die Folge sind viele Überstunden, um doch noch ein wenig mehr zu erwirtschaften, und ein Leben, dem es an vielem fehlt.

Und: Kambodscha hat bereits große Verbesserungen erzielt! Durch teils blutige Demonstrationen konnte der Mindestlohn in den letzten Jahren bereits kräftig angehoben werden – 2014 lag er noch bei 60 Euro. In anderen Ländern, wie Bangladesch, sind die Löhne noch deutlich geringer.

Aber auch in Europa – in Serbien, Bulgarien, der Türkei und der Ukraine – ist der Mindestlohn viel zu niedrig (konkrete Zahlen kann man bei der Kampagne für saubere Kleidung nachlesen).

Grund Nr. 2: Schlechte Arbeitsbedingungen

In den meisten Fabriken sind die Arbeitsbedingungen hochgradig gesundheitsgefährdend: “Lange Arbeitszeiten und ständig wiederholte Bewegungen lösen Krankheiten aus. Oft gibt es kein sauberes Trinkwasser und Arbeiter*innen wird verboten die Toiletten aufzusuchen”, schreibt die Kampagne für saubere Kleidung.

Die exzessiven Arbeitszeiten und der große Druck, die Vorgaben einzuhalten, sorgen für Stress und Überanstrengung. In den asiatischen Fabriken ist es oft heiß, und die Pausen sind zu kurz – immer wieder wird von ArbeiterInnen berichtet, die vor Überanstrengung in Ohnmacht fallen. Dazu kommen die Chemikalien, mit denen die Kleidung behandelt wird, und die giftig für Mensch und Umwelt sind. 

Ein ganz anderes Gesundheitsrisiko stellen die Fabrikgebäude selbst dar: Es fehlt an Notausgängen, Feueralarmen und Fluchtwegen. “In Bangladesch sind seit 1990 mehr als 1000 Arbeiter*innen in Textilfabriken gestorben. Die meisten wurden totgetrampelt, als sie versuchten bei einem Unglück aus einer Fabrik mit nicht ausreichenden oder gar keinen Notausgängen zu fliehen“, heißt es bei der Kampagne für saubere Kleidung weiter.

Meist gelangen diese Meldungen nicht in die europäischen Medien. 2013 war das anders: Als das Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch einstürzte, starben 1.136 Menschen; mehr als 2.000 wurden verletzt. Viele weitere Menschen sind durch die Katastrophe auch finanziell vor existenzielle Probleme gestellt worden, da der oder die Haupternährer der Familie nicht mehr für sie aufkommen konnte.
Das Unglück ist umso tragischer, weil es hätte verhindert werden können. Bereits am Vortag wurden Risse im Gebäude entdeckt, aber die NäherInnen wurden dennoch gezwungen, ihre Arbeit fortzusetzen – so groß war der Druck der großen Textilkonzerne, die bestellte Ware termingerecht entgegenzunehmen.

Seitdem gab es einige Anstrengungen die Arbeitsbedingungen in Bangladesch zu verbessern; nach wie vor gibt es aber zahlreiche Probleme.

Grund Nr. 3: Kinderarbeit

Wenn Eltern nicht genug verdienen, um die Familie versorgen zu können, müssen auch Kinder arbeiten. 

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass 152 Millionen Kinder illegal arbeiten – also in einer Form, die den Schulbesuch verhindert oder dem Kind schadet. Damit ist also ausdrücklich nicht das samstägliche Zeitungsaustragen oder gelegentliche Babysitten gemeint, das lediglich das Taschengeld aufbessert.

Knapp die Hälfte dieser Kindarbeiter ist jünger als 12 Jahre. Ein großer Teil davon arbeitet in der Textilindustrie, vor allem beim Baumwollanbau, aber auch bei den weiteren Verarbeitungsschritten, etwa in den Spinnereien. 

Kinderarbeit ist vor allem aus zwei Gründen hochproblematisch: Zum einen können Kinder dadurch nicht in die Schule gehen. Ohne Schulbesuch ist es ihnen aber kaum möglich, der Armut zu entfliehen und etwas an ihrer Situation zu verändern.

Zum anderen sind die Kinder vielen Gesundheitsrisiken ausgesetzt: Die Arbeit an sich ist oftmals körperlich anstrengend, dazu kommt die Verletzungsgefahr an Maschinen sowie Chemikalien und Pestizide, die giftig oder krebsfördernd sein können. Gleichzeitig verdienen Kinder oftmals weniger als Erwachsene und sind oft Misshandlungen ausgesetzt. Körperliche und psychische Erkrankungen können die Folge sein.

Grund Nr. 4: Hohe Umweltbelastungen

Die Herstellung von Kleidung, wie sie momentan stattfindet, geht mit einer Vielzahl an Umweltbelastungen einher: 

  1. Die Baumwollpflanze benötigt große Mengen an Wasser, um zu wachsen. Als Folge sinkt in vielen Regionen der Grundwasserspiegel und die Wasserknappheit nimmt zu. Besonders sichtbar wird das am Aralsee: Einst der viertgrößte See der Erde, ist er heute zu großen Teilen ausgetrocknet. Übrig geblieben ist eine Salzwüste, die den dort ansässigen Menschen keine Lebensgrundlage mehr bietet.

2. Die Baumwollpflanze wird zudem so intensiv mit Pestiziden und Insektiziden behandelt wie kaum eine andere Pflanze. Das ist auch den Monokulturen geschuldet, die die Pflanze noch anfällig machen. Etwa 25 Prozent aller Insektizide weltweit werden auf Baumwollplantagen verteilt. Der intensive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln schädigt auch das Grundwasser und damit die umliegenden Tier- und Pflanzenarten. Zusätzlich begünstigt er die Entstehung von Resistenzen.

3. Im gesamten Verarbeitungsprozess wird eine Vielzahl an Chemikalien eingesetzt. Sie werden verwendet, damit die Kleidung z.B. nicht eingeht, farbecht bleibt oder auch auf dem Transportweg nicht schimmelt. Viele dieser Substanzen sind giftig oder krebserregend; bei der Einfuhr in Europa dürfen sie zwar gewisse Grenzwerte nicht überschreiten – in Asiens Flüssen findet man dennoch große Mengen davon.

Grund Nr. 5: Lange Transportwege


Die Textil-Riesen lassen ihre Kleidung dort weiterverarbeiten, wo es am günstigsten ist. Der Transport von Baumwolle, Stoff und fertigen Shirts geschieht meist per Schiffscontainer und liegt – heruntergerechnet auf das einzelne Kleidungsstück – im Centbereich. 

Daher geschieht jeder einzelne Arbeitsschritt, wo er am günstigsten ist: Sei es in Polen, Kambodscha oder der Türkei. Die Folge: Ein T-Shirt oder eine Jeans reisen im Durchschnitt einmal um die Welt – rund 40.000 Kilometer -, ehe wir sie kaufen können.  

Grund Nr. 6: Mikroplastik auf unserer Haut – und unserem Teller

Ein großer Teil unserer Kleidung wird inzwischen halb- oder komplett synthetisch hergestellt. Dabei werden entweder Naturstoffe weiterverarbeitet (halbsynthetisch, z.B. Viskose und Modal) oder die Stofffasern werden komplett künstlich aus Kohle, Erdöl oder Erdgas hergestellt (z.B. Polyester oder Acryl).

Diese synthetischen Fasern bleiben jedoch nicht in der Kleidung: Mit jedem Waschgang lösen sich Partikel und gelangen erst ins Abwasser, später dann in Flüsse und Meere. Etwa 35 Prozent des Mikroplastiks im Meer stammt aus synthetischer Kleidung.

Das ist nicht nur problematisch für die Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch für uns Menschen: Denn das Mikroplastik, oft zusammen mit Weichmachern, gelangt auch in unsere Nahrungskette und wird von uns aufgenommen. Welche Folgen das langfristig hat, ist noch nicht ausreichend erforscht. Ziemlich erschreckend, oder? Wenn du etwas dagegen tun möchtest, kann es bereits helfen, die vorhandene Wäsche bei kälteren Temperaturen zu waschen. Mehr dazu im Beitrag Kleidung nachhaltig kaufen und nutzen.

 

Grund Nr. 7: Fast Fashion – Einmalprodukt Kleidung

Kleidung ist schon fast ein Wegwerfprodukt geworden, so verschwenderisch gehen wir damit um. Knapp 100 Teile (Unterwäsche und Socken nicht mitgerechnet) hat jede/r Deutsche im Kleiderschrank; etwa 20 davon werden allerdings nie getragen. Und auch das, was getragen wird, hat nur noch eine kurze Lebensdauer: Etwa 50 Prozent der Oberteile werden nur maximal 3 Jahre genutzt. 

Dieses Verhalten wird befeuert durch die Fast-Fashion-Industrie, die in immer kürzer werdenden Abständen neue Kleidung in die Läden bringt. Gleichzeitig sinken die Preise pro Kleidungsstück. 

Aber: Der Markt scheint mehr und mehr gesättigt, denn auch der Anteil der Kleidung, die überschüssig produziert wird, steigt: Mindestens 230 Millionen Textilien werden jährlich vernichtet oder als Billigware im Ausland verkauft. Und das, obwohl jedes einzelne davon unter derart großen Belastungen für Mensch und Umwelt hergestellt wurden.

Fazit: Billigkleidung hat ihren Preis

Kleidung herzustellen kann niemals so günstig sein, wie manche Marke es suggeriert; irgendjemand zahlt also den Preis, und wenn es nicht wir KonsumentInnen sind, sind es TextilarbeiterInnen oder die Umwelt.
Was bedeutet das nun für uns? Was können wir tun, um dieses System nicht zu unterstützen? Darum geht es im Beitrag Kleidung nachhaltig kaufen & nutzen.